Prüfungspredigt von Vikarin Laura Frerker-Kidane zu Lk. 6,27-38

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# Predigten

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Tatort Herz: Spuren der Feindesliebe

1. Hatte der Ermordete Feinde?

Liebe Gemeinde,

Viele Deutsche haben ja immer noch ein Ritual am Sonntagabend: Tatort gucken. Klar, es gibt auch noch ganz viele andere Krimis und Krimireihen. Aber häufig begegnet uns folgende Szene: Wir haben unsere ermordete Person und das Ermittlerduo macht sich auf den Weg, den Fall zu lösen. Erster Anhaltspunkt sind Vernehmungen von nahen Verwandte, Nachbarn und Arbeitskolleginnen. Und dann die Frage: Hatte der Ermordete Feinde? Zu sehen sind dann schockierte Gesichter und Antworten wie: Was? Nein, also das kann ich mir nicht vorstellen! Unser Nachbar hat immer nett gegrüßt und auch mal unsere Mülltonne mit an die Straße gestellt. Gut, hinterher kommt heraus: Der liebe Herr Nachbar hat ein kriminelles Doppelleben geführt und es sich mit der Kryptomafia verscherzt. Naja, gab also doch Feinde.

Feinde – dieses Wort erinnert mich nicht an mein alltägliches Leben. Ich denke dabei eher an Länder, die sich bekriegen. Oder an Filmszenen, in denen sich Harry Potter und Voldemort gegenüberstehen. Meinetwegen noch Influencer:innen, die sich gegenseitig im Internet schlecht reden. Das sind für mich Feinde. 

2.Unsere Feinde

Also, was ist ein Feind? Wer ist ein Feind für uns heute?

Höchst wahrscheinlich ist es ja nicht der Bösewicht mit schwarzem Umhang, sondern jemand, der mir das Leben schwer macht. Jemand, der mich verletzt hat. 

Vielleicht die Kollegin, die mir ständig das Gefühl gibt, ich sei nicht gut genug. Der „Freund“, der hinter meinem Rücken über mich redet und Gerüchte streut. Oder der Verwandte, mit dem jedes Familienfest zur Nervenprobe wird – besonders, wenn das Gesprächsthema Politik ist

Ein Feind – das kann also der Mensch sein, bei dessen Anblick es mir sofort im Magen zieht. Der mir die Luft zum Atmen nimmt. Bei dem mein Herz schneller schlägt vor Ärger und ich meinen Puls im Ohr rauschen höre.

Jemand, bei dem ich merke: Ich bin so verletzt worden, ich wünsche dieser Person nichts Gutes im Leben. Ich kann dieser Person nicht verzeihen. 

3.Predigttext

Und genau an diesem Punkt setzt Jesus an. Er spricht davon, wie wir mit solchen Menschen umgehen sollen – mit denen, die uns das Leben schwer machen. Ich lesen den Predigttext. Er steht im Lukasevangelium, im 6.Kapitel: 

„Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, überlasse ihm auch das Hemd. Gib jedem das, worum er dich bittet. Und wenn dir jemand etwas wegnimmt, das dir gehört, dann fordere es nicht zurück. Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen besonderen Dank erwartet ihr von Gott? Sogar die Sünder lieben ja die, von denen sie geliebt werden. Wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun: Welchen besonderen Dank erwartet ihr von Gott? Sogar die Sünder handeln so. Wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es wieder zurückerwarten könnt: Welchen besonderen Dank erwartet ihr von Gott? Sogar die Sünder leihen sich gegenseitig Geld, um den gleichen Betrag zurückzubekommen. Nein! Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. Dann werdet ihr großen Lohn erhalten und Kinder des Höchsten sein. Denn Gott selbst ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen. Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen.Sitzt über niemanden zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben. Schenkt, dann wird Gott auch euch beschenken: Ein gutes Maß wird euch in den Schoß geschüttet – festgedrückt, geschüttelt und voll bis an den Rand. Denn der Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten.“

4. Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu…

Liebe Gemeinde,

Das, was wir gerade gehört haben, ist ganz schön herausfordernd. „Liebt eure Feinde“ – das ist kein Satz, den ich einfach so hinnehmen kann. Da sträubt sich etwas in mir. Er widerspricht allem, was in mir hochkommt, wenn ich verletzt oder unfair behandelt werde. Genau hier zeigt sich aber, worum es Jesus geht. Er redet nicht nur über Regeln, sondern darüber, wie Gott ist: Gottes Barmherzigkeit, Gottes Liebe gilt allen Menschen. Allen, auch denen, die ich nicht mag. Auch denen, wo es mir schlicht unmöglich erscheint. Jesus sagt uns: Wir dürfen ein Stück davon weitergeben. So wie Kinder Ähnlichkeiten mit ihren Eltern haben, sollen auch wir als Gottes Kinder seine Liebe sichtbar machen. Und auch hier gilt: Allen gegenüber. 

Denn: Schon als Kinder haben wir den Satz gehört: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu.“ Eine einfache Regel. Jesus dreht sie um: „Behandelt andere Menschen so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.“ Er sagt nicht nur: Tu niemandem etwas Schlechtes, sondern: Tu anderen aktiv das Gute, das du dir selbst wünschst. Es geht also nicht um passives „Lass es bleiben“, sondern um aktives Handeln.

Wenn ich also möchte, dass Menschen mir freundlich begegenen, dann begegne ich Menschen freundlich. Wenn ich mir wünsche, dass jemand mir zuhört, dann höre ich anderen zu. Wenn ich hoffe, dass jemand mich tröstet, wenn ich traurig bin, dann bin ich für andere da, wenn sie Trost brauchen. Und wenn ich mir wünsche, dass man mir eine zweite Chance gibt, dann gebe ich sie auch anderen. 

Und ich mache das ohne die Erwartung, dass mein Gegenüber sich mir auch so verhält. Wenn ich also gerade nicht weiß, wie Feindesliebe aussehen soll, dann kann ich diese Goldene Regel als Startpunkt betrachten. Fast so, wie die Ermittler im Krimi, die am Tatort selbst nach der ersten kleinen Spur suchen. Auch wenn sie das große Ganze noch nicht sehen, fangen sie irgendwo an. Tatort Herz: Spuren der Feindesliebe sozusagen. 

5. Feindesliebe als Friedenseinsatz

Liebe Gemeinde,

Wenn wir über Feindesliebe nachdenken, ist das nicht nur eine Frage des persönlichen Umgangs miteinander, sondern auch der Gesellschaft, in der wir leben. Wir merken das besonders, wenn wir auf Ereignisse in unserer Geschichte schauen, die uns noch heute bewegen. Heute ist der 9. November.

Der 9. November ist ein Datum, an dem wir uns erinnern: an die Pogromnacht 1938, in der Menschen jüdischen Glaubens verfolgt und getötet wurden, aber auch an die friedliche Öffnung der Mauer 1989, die Deutschland und Europa veränderte. Zwei sehr unterschiedliche Ereignisse, die uns zeigen, wie eng Gewalt, Hass, aber auch Hoffnung und Versöhnung miteinander verknüpft sind.

Für uns als Gemeinde heißt das: Wir leben nicht isoliert, sondern in einer Gemeinschaft, die Geschichte trägt und Verantwortung hat. Feindesliebe ist Friedenseinsatz. Denn sie durchbricht die Spirale von Hass und Gewalt.

Wenn wir spüren, dass wir Gottes Kinder sind, verändert das unseren Blick: Wir können anderen mit derselben Liebe begegnen, die Gott uns schenkt.

Und vielleicht, liebe Gemeinde, sind wir selbst die Ermittlerinnen und Ermittler in Gottes großem Tatort Namen „Welt“, nicht auf der Suche nach Schuldigen, sondern nach Möglichkeiten, wo Liebe wachsen kann. 

Denn: Wo Feindesliebe gelebt wird, da wird die Liebe Gottes durch uns weitergetragen. Wo Feindesliebe gelebt wird, da wächst Frieden. Wo Feindesliebe gelebt wird, da berühren sich Himmel und Erde. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

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